Foto: Friedrich Gobbesso
Bilder, Prozesse & Bedeutungen: Die Textarbeit für den Künstler Friedrich Gobbesso interpretiert ein aktuelles Werk.
Kunstbegleittexte
Katalogtexte
Reden
Friedrich Gobbessos Arbeiten oszillieren zwischen Geist und Materie, zwischen Phantasie und Wirklichkeit. Der von der Galerie Mönch in Berlin vertretene Künstler schafft ein komplexes Werk, dessen experimenteller Charakter konzeptuell wie visuell Grenzen überschreitet – und die eingangs genannten Dualismen zu überwinden trachtet.

Pius begleitet den Künstler entlang der verschiedenen Werkphasen, findet Textformen für sein Schaffen, verantwortet die Kunstbegleittexte und hält die eröffnenden Reden bei Ausstellungen.

Danke an dieser Stelle an Friedrich Gobbesso für die freundliche Bereitstellung von visuellem Material für diese Website. Gezeigt wird hier die deutsche Version der Texte für die Serien "Mensch wie Du, Kaktus wie ich", "Fantastic Plastic" und "Bruchlandung".

Künstler: Friedrich Gobbesso
Kunstwerk mit Mann

Mensch wie Du, Kaktus wie ich
(Human Like You, Cactus Like Me)
Arbeiten mit Kaktus, Sizilien 2004 – 2006

In den Fotografien und Heliogravuren des Projekts „...Kaktus wie ich“ dokumentiert Friedrich Gobbesso seine Auseinandersetzung mit Kakteen. Der Künstler selbst ist mit Sizilien, dem Ursprungsort dieser Arbeiten, seit dem Kindesalter verbunden - das mehrere Jahre umspannende Projekt muss auch deswegen als eines seiner persönlichsten beriffen werden.

Gobbesso erforscht in „...Kaktus wie ich“ die Eigenschaften der extrem robusten Pflanze und das Schaffen von Begegnungen, in denen sich der Mensch mit der Pflanze symbiotisch vereint. Der Mensch (in Form von Gobbesso selbst) arbeitet dabei gegen die Feindlichkeit des Kaktus, welcher sich umgekehrt mit seinen Mitteln gegen den Menschen richtet. „...Kaktus wie ich“ wird so zum Mikro-Prototyp für den auf globaler Ebene vom Menschen geführten Prozess, in dem die Natur dem Menschen unterworfen wird.

Gobbessos Ansatz jedoch ist komplementär zu diesem destruktiven menschlichen Streben: In seiner Begegnung mit der Natur werden Pflanze und Mensch zu einem kraftvollen Kunstwesen. Mit Teilen des Kaktus rüstungsartig bedeckt, posiert Gobbesso vor dem Meereshorizont. Seine Gesten bewegen sich zwischen kriegerischer Machtdemonstration und leichtfüßiger Athletik - die Symbiose mit dem Kaktus verleiht dem Menschen in den farbintensiven Fotografien eine neue, ungesehene und unwirkliche Qualität. Gobbesso deutet hier auf ein verstecktes und offenbar gewaltiges Potenzial, welches dieser „Kooperation“ innewohnt.

In den Heliogravuren von „...Kaktus wie ich“ verselbständigt sich Gobbessos „Geschöpf“ weiter. Durch aggressive, ironische und sexuelle Konnotationen steckt der Künstler ein komplexes Wirkspektrum in seinen Arbeiten ab. So, als wolle er das Kunstwesen mit eigener Autorität, mit Charakter und mit der Fähigkeit zu Emotion ausstatten. Die „Nachhaltigkeit“ dieses Vorgangs wird verstärkt durch die archaische Anmutung der Heliogravuren.

„...Kaktus wie ich“ kann zu den Arbeiten Gobbessos gezählt werden, in den der Künstler am deutlichsten Position bezieht. Nicht nur macht er sich selbst zum Gegenstand des Werks, sondern formuliert parallel dazu seine Vision eines potenten und unkalkulierbaren Zusammenlebens von Mensch und Natur. Im Bewusstsein ist dabei stets eine globale Entwicklung, die seinem Konzept entgegenläuft.
Abstraktes Bild mit schwarz-weissen Linien.

Fantastic Plastic
Heliogravuren, Berlin 2018, Galerie Mönch

Friedrich Gobbessos Neugierde für das Detail, für versteckte Ästhetik und für das Experiment gelangt in den Fotografien der „Fantastic Plastic“-Serie zu einem vorläufigen Höhepunkt. Transparentes Plastikmaterial wird von ihm mit einer Feuerquelle stark erhitzt und deformiert. Die Belichtung erfolgt anschließend direkt durch das Plastik hindurch auf Fotopapier.

Das experimentelle Spiel mit Plastik – einem alltäglichen und im Überfluss verfügbaren Material – führt bei „Fantastic Plastic“ zu nicht weniger als einer Horizonterweiterung. Als derart fremd und unerwartet erweisen sich die grazilen, feinen und unwirklichen Resultate des Experiments, dass der Betrachter eine Verbindung zu deren banalen Ursprung kaum mehr herstellen kann. Durch diese Entkopplung öffnet Gobbesso das Fenster für mögliche Interpretationen weit. In der Welt von „Fantastic Plastic“ herrschen nun eigene Gesetze.

Die Deformation des Materials und seine Verbrennungen bedingen grafische Strukturen, die miteinander zusammenhängen und ein Ganzes bilden. Mal erinnern die Strukturen an Aufnahmen von Satelliten, an Flussläufe, Canyons oder Vulkanlandschaften. Dann wieder fühlt sich der Betrachter in die Welt von Mikroorganismen entführt. Das deformierte Material zeigt außerdem sanfte Kontrastverläufe, die sich zu aggressiveren Ausläufern gruppieren und eine verwirrende räumliche Wirkung entfalten. Harmonie und Aggression sind unmittelbar verknüpft in einem einzigen Bild.

In der „Fantastic Platic“-Serie ist nichts wirklich, und nichts wirklich eindeutig. Offenbar wird nur die Schönheit und Erhabenheit der Fotografien, die sich verselbstständigen. Sie stehen sinnbildlich für die allem Material und jedem Experiment innewohnende Magie, zu deren Erkundung Gobbesso mit den Fotografien animiert. Ein kraftvolles und überzeugtes Statement, das insbesondere in einer Zeit voller Flüchtigkeit und mangelnder individueller Involviertheit seine Wichtigkeit erhält.
Kunstwerk mit toter Mücke

Bruchlandung
Crash Landing
‍F018

In Großformat und hinter Acrylglas zeigt Gobbesso in der Serie „Bruchlandung“ Abbildungen von toten Insekten. Weiß erhellt und hochauflösend heben sich die zerstörten Körper gegen ein tiefes Schwarz ab, schimmern hinter Glas. Bleibt die mikroskopische Welt der abgebildeten Insektenkörper sonst natürlicherweise im Verborgenen, so maximiert Gobbesso mit diesen Arbeiten den Blick auf eben diese verschlossene Welt.

Feine Flügelsehnen und gebrochene Gliedmaßen kann der Betrachter erkennen. Er wird zum Augenzeuge eines Tatorts, zum Voyeur – und gelangt so schnell in ein Dilemma: Konfrontiert mit dem gewaltsamen Tod eines Lebewesens müsste er das Bild ethisch ablehnen. Scham und Betroffenheit werden geweckt, doch absorbiert Gobbesso entsprechende Emotionalitäten durch die von ihm forcierte Inszenierung des Insekts. Tod und Gewalt werden ästhetisiert. Eine Situation, welche die „Bruchlandung“- Serie mit der ihr eigenen morbiden Stimmung ausstattet. Und eine Situation, für die es vorerst keine Lösung gibt.

Gobbesso schaltet sich als Täter mit in die Verhandlung des Betrachters mit dem Bild. Er ist Urheber der Gewalt und verantwortlich für ihre Aufbereitung. Aber ist er letztlich nicht doch nur neutral experimenteller und somit legitimer Dokumentator, ein mit dem Tod Spielender, der vor lauter Faszination vergessen musste, dass er Leben vernichtet? Die Serie stellt so auch die Frage nach dem Wert von Leben in einer Welt voller medial inszenierter Gewalt.

Vor der schönen Grausamkeit der Serie „Bruchlandung“ schützt Gobbesso den Betrachter nicht. Aber er umwirbt ihn widersprüchlich mit der von ihm propagierten Schönheit vom Tod, und das eigentlich (ethisch) Unvertretbare löst sich von den Fotografien sukzessive ab. Zurück bleiben nur Staunen, Erschrecken vor sich selbst, sowie Neugierde. Und ein Dilemma für das uns Gobbesso nur seine eigene geheime Lösung anbietet. Diese gilt es immer wieder neu zu erforschen.